Elisabeth Baume-Schneider anläßlich des 30-jährigen Jubiläums des Forums für die Zweisprachigkeit

Mehrsprachigkeit als Wert der Schweiz

August 31, 2026 - Lesezeit: 8 Minuten

 Die Schweiz versteht sich als mehrsprachiges Land – doch gelebte Mehrsprachigkeit ist kein Selbstläufer. Sie muß gepflegt, gefördert und immer wieder neu mit Leben gefüllt werden. Zum 30-jährigen Bestehen des Forums für die Zweisprachigkeit in Biel/Bienne hat Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider deshalb die Bedeutung der Landessprachen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die nationale Identität und auch die wirtschaftliche Zukunft der Schweiz hervorgehoben. Am Beispiel Biels zeigt sie, wie sprachliche Vielfalt im Alltag funktionieren kann – und warum die Mehrsprachigkeit angesichts des wachsenden Stellenwerts des Englischen mehr denn je politisches Engagement braucht.

Die Rede von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider anläßlich des 30-jährigen Jubiläums des Forums für die Zweisprachigkeit, französisch gehaltene Teile übersetzt:

Wie jene, die ihre Interessenbindungen offenlegen müssen, möchte ich gleich zu Beginn gern meine Verbundenheit mit der Sprache und den Wörtern sowie mit allem, was die Gleichgewichte zwischen unseren Landessprachen betrifft, bekunden. Und welcher Ort wäre besser geeignet als die Stadt Bern, um die Lorbeeren ... der Stadt Biel zu verteilen? Biel ist mit 30 Jahren Engagement ein Modell für Zweisprachigkeit und veranschaulicht das Zusammenleben von Deutsch und Französisch im Alltag. 1996 erklärte sich Biel/Bienne offiziell zur zweisprachigen Stadt. Gleichzeitig – und dies ist natürlich kein Zufall – bekundete die Stadt einen eindeutigen politischen Willen und gründete das Forum für die Zweisprachigkeit. Die Idee schien einfach; sie war jedoch nicht weniger komplex und anspruchsvoll.

Damit Zweisprachigkeit gelebt werden kann, muß man sie beobachten, verstehen und vor allem Handlungsfelder anbieten. Das Forum widmet sich dieser Aufgabe seit drei Jahrzehnten mit erfolgreichen Initiativen wie dem Zweisprachigkeitsbarometer, kostenlosen Sprachtandems sowie zahlreichen Projekten, die den Austausch zwischen Sprechern verschiedener Sprachen fördern. Für sein bemerkenswertes und weithin beachtetes Engagement wurde das Forum 2024 mit dem Föderalismuspreis der Fondation.ch ausgezeichnet.

Sprache ist mehr als nur Sprache. Sie ist das Medium unserer Befindlichkeit, unserer Mentalität, unserer Werte, unserer Empfindungen, Nuancen und Gefühle ... wie auch immer diese aussehen mögen. Sie trägt ein kollektives Gedächtnis und eine Identität in sich. Die Sprache des anderen zu lernen bedeutet deshalb auch, seine kulturellen Bezugspunkte und seine Art, die Welt zu sehen, besser zu verstehen.

Ich zitiere gern den Sprachwissenschaftler Alain Rey: „Sich für Wörter zu interessieren, bedeutet, sich für andere zu interessieren. Jedes Wort ist ein offenes Fenster zum menschlichen Geist und zu unserer gemeinsamen Geschichte.“

Im Grunde bedeutet es, die Zweisprachigkeit atmen und leben zu lassen, die Rahmenbedingungen auf der Ebene einer Gemeinschaft sicherzustellen, um der sozialen Verbundenheit im Herzen der Gesellschaft Sinn zu geben und ein besonderes Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Umgekehrt bedeutet es, wenn ich mich weigere, die Sprache meiner Nachbarin oder meines Nachbarn zu verstehen, wenn nicht, sie zurückzuweisen, so doch zumindest, ihnen gegenüber kein Einfühlungsvermögen zu zeigen.

Die Bewahrung und Förderung der Zweisprachigkeit lädt dazu ein, die Wörter und die Sprache des anderen als Träger von Gefühlen, Gedankenaustausch, manchmal auch Konflikten, aber ebenso von Versöhnung zu betrachten. Daher hat es Sinn, von der einvernehmlichen Zweisprachigkeit Biels zu sprechen. Im übrigen ist es ein hübscher Wink, daß die Stadt das 30-Jahr-Jubiläum der Zweisprachigkeit mit einem neuen Gütesiegel begeht, das vom Forum für die Zweisprachigkeit verliehen wird. Eine erneute Zertifizierung ist mitunter noch prägender als die ursprüngliche Anerkennung ...

Mehrsprachigkeit als Teil der Identität

Wie die Zweisprachigkeit gehört auch die Mehrsprachigkeit zu den wesentlichen Bestandteilen unserer Identität. Unser Land ist aus dem politischen Willen entstanden, mehrere Sprach- und Kulturgemeinschaften innerhalb desselben Staates nicht nebeneinanderzustellen, sondern miteinander leben zu lassen. Eine Vielfalt, die daran erinnert, daß unsere Einheit auf der Anerkennung und dem Respekt gegenüber mehreren Sprachen und Kulturen beruht, ohne Hierarchie und Vorrang.

Der Reichtum unseres Landes

Im Mittelpunkt dieser Sprachlandschaft stehen vier Landessprachen, die jede für sich zum Reichtum unseres Landes beitragen. Und bei den wesentlichen Bestandteilen unserer nationalen Identität gilt es, die Beiträge der Migration zu würdigen. Die verschiedenen Sprachen, die heute innerhalb der Familien gesprochen werden, gehören zu unserer sprachlichen Wirklichkeit. Sie anzuerkennen und aufzuwerten, steht keineswegs im Widerspruch zur Förderung der Landessprachen.

Im Gegenteil: Mehrsprachigkeit entwickelt wertvolle Fähigkeiten: die Fähigkeit, von einer Sprache in eine andere zu wechseln, unterschiedliche kulturelle Zusammenhänge zu verstehen und die Perspektive zu wechseln. Diese Anpassungsfähigkeit ist ein unbestreitbarer Vorteil. Sie wissen das sehr gut: Mehrsprachigkeit ist keineswegs selbstverständlich. Sie beruht auf einem dauerhaften, gemeinschaftlichen und schöpferischen politischen und gesellschaftlichen Engagement.

Mehrsprachigkeit beschränkt sich nicht auf ein zu bewahrendes Erbe. Sie ist eine lebenswichtige Ressource, um Eingliederung, demokratische Beteiligung und die Verbindungen zwischen den verschiedenen Regionen des Landes zu stärken. Dieses Engagement zeigt sich in Maßnahmen auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene, dank eines geschickten Netzes von Zusammenarbeit und der notwendigen Wachsamkeit.

Ich möchte insbesondere auf die wichtige Stellung hinweisen, die die meisten Kantone den Landessprachen in den Lehrplänen einräumen; auf die Investitionen der Hochschulen und des Bundes in die Forschung und die Sprachlehre; auf die Unterstützung des schulischen und individuellen Austauschs zwischen den Sprachregionen durch Movetia; auf die Kurse in Landessprachen für Migranten, insbesondere durch das vom SEM und den Kantonen mit den Programmen PIC getragene Fide-System; und nicht zuletzt auf die Beteiligung der Privatwirtschaft an den Maßnahmen zur Förderung der Sprachen.

Ein nationaler Kompromiß infrage gestellt

In einer Welt, in der Englisch immer wichtiger wird, mag die Versuchung groß sein, den Landessprachen weniger Gewicht zu geben. Doch gerade weil Englisch heute selbstverständlich geworden ist, dürfen wir nicht das vernachlässigen, was die Schweiz einzigartig macht. Unsere Mehrsprachigkeit ist kein Nachteil im internationalen Wettbewerb, im Gegenteil: Sie ist eine Stärke.

Die Diskussion über den Unterricht einer zweiten Landessprache in der Primarschule zeigt, daß der Stellenwert der Landessprachen kontinuierlich aufgewertet und verteidigt werden muß. Auslöser sind Entwicklungen in mehreren Kantonen, welche den Französischunterricht erst auf die Sekundarstufe verschieben möchten. Damit würde ein nationaler Kompromiß infrage gestellt, der seit vielen Jahren die Grundlage einer koordinierten Sprachenpolitik bildet. Es geht um die Frage, wie wir den Zusammenhalt unseres mehrsprachigen Landes auch in Zukunft sichern wollen.

Unser föderalistisches Bildungssystem lebt davon, daß die Kantone gemeinsam tragfähige Lösungen finden. Die Vernehmlassung ist deshalb keine Kampfansage an die Kantone. Sie ist eine vorsorgliche Vorbereitung für den Fall, daß diese Koordination nicht mehr gelingt. Die EDK hält an ihrer Sprachstrategie fest, und wir unterstützen sie dabei.

Die Bundesverfassung ist hier eindeutig: Sie überträgt den Kantonen den Auftrag, die grundlegenden Elemente der Volksschule zu harmonisieren, um den Stellenwert der Landessprachen in der Pflichtschule zu sichern. Kommt diese Harmonisierung nicht zustande, ist der Bund verpflichtet, im notwendigen Umfang tätig zu werden. Genau auf dieser verfassungsmäßigen Verantwortung beruht die Vorlage.

„Föderalismus heißt doch nicht: Jeder macht auf seinem Gebiet, was er will, egal, was dies für die Schweiz bedeutet. Ich bin überzeugt, daß jeder Kanton ein unverzichtbarer Teil des Ganzen ist. Und deshalb trägt jeder Kanton auch Verantwortung für das ganze Land.“

Mehrsprachigkeit – eine Entscheidung für die Zukunft

Der Bundesrat ist überzeugt: Die Mehrsprachigkeit zu fördern bedeutet, in die Zukunft der Schweiz zu investieren. Unser Ziel ist daher eine Schweiz, in der die sprachliche Vielfalt als Stärke und als Vorteil für unsere Wirtschaft anerkannt wird. Sprachkenntnisse erleichtern den internationalen Austausch, stärken die Beschäftigungsfähigkeit erheblich, fördern die berufliche Mobilität, ziehen Fachkräfte an und treiben die Innovation voran.

Man bedenke: Nahezu 250 Millionen Menschen in Europa sprechen eine unserer Landessprachen. Ein schöpferisches und wirtschaftliches Potential, aus dem wir zweifellos noch mehr Nutzen ziehen könnten!

Während Deutschschweiz und Romandie mit Verve ihre Sprachdebatten pflegen, lernen das Tessin und die rätoromanische Schweiz ohne große Verrenkungen drei Landessprachen. Ich schließe nicht aus, daß sie einfach besonders sprachbegabt sind. Ich habe aber vielmehr den Eindruck, daß sie etwas sehr Entscheidendes erkannt haben: Wie wichtig es ist, die Sprache des Nachbarn zu verstehen – und sich in ihr ausdrücken zu können. Diese Haltung ist eine Inspiration für uns alle.

(pd, rm)
(Bild: zVg)

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