Was stabiler Strom aus einem neuen Kernkraftwerk kostet
Kernenergie im Vergleich zu Solarstrom
Neue Kernkraftwerke in der Schweiz kosten voraussichtlich 10 bis 15 Milliarden Franken. Eine Analyse vergleicht die Stromkosten mit Solarenergie und zeigt den Einfluß politischer Risiken.
Oktober 27, 2026 - Lesezeit: 4 Minuten
Die weltpolitische Lage mit dem Stellvertreterkrieg in der Ukraine und dem Irankrieg hat die Energiesituation der Länder in Europa verändert. Nun gibt es eine anstehende Atomkraft-Abstimmung: Voraussichtlich im Februar 2027 entscheiden die Stimmberechtigten, ob neue Kernkraftwerke in der Schweiz wieder erlaubt sein sollen. Falls sich der Souverän für ein Ja ausspricht, stellt sich eine entscheidende wirtschaftliche Frage: Läßt sich ein neues Kernkraftwerk so bauen und finanzieren, daß es zu konkurrenzfähigen Kosten Strom produziert?
10 bis 15 Milliarden Franken für ein neues Kernkraftwerk
In der Debatte über neue Kernkraftwerke hat eine Studie der Akademien der Wissenschaften Schweiz mit Kosten von bis zu 43 Milliarden Franken gerechnet. Dieser Wert betrifft jedoch einen besonders großen Reaktor, dessen Bau zudem durch hohe Kostenüberschreitungen geprägt ist. Für ein Werk in der Größe von Gösgen rechnet Avenir Suisse in einer neuen Analyse mit Kosten von 10 bis 15 Milliarden Franken, ähnlich viel wie der Gotthard-Basistunnel gekostet hat.
Die Schätzung setzt allerdings voraus, daß aus den Verzögerungen und Kostenüberschreitungen der jüngsten Projekte in Europa und den USA gelernt wird und ein erprobter, fertig geplanter Reaktortyp zum Einsatz kommt. Der Strom daraus kostet im Grundszenario rund 172 Franken pro Megawattstunde.
Studie: Kernenergie kann es mit Solarstrom aufnehmen
Wie konkurrenzfähig Kernkraft damit tatsächlich ist, zeigt erst der Vergleich mit anderen Stromquellen. So erscheint Solarstrom auf den ersten Blick oft günstiger als Strom aus einem neuen Kernkraftwerk. Doch die reinen Produktionskosten erzählen nur einen Teil der Geschichte.
Entscheidend ist auch, wann Strom produziert wird. Solarstrom fällt häufig dann an, wenn bereits viel Strom im Netz ist und die Preise niedrig sind. 2025 erzielte Solarstrom im Schnitt nur 56 Franken pro Megawattstunde, bei einem durchschnittlichen Börsenpreis von rund 100 Franken. Hinzu kommen zusätzliche Kosten für den Netzausbau. Berücksichtigt man diese Faktoren, kostet Strom aus größeren Solaranlagen rund 160 Franken pro Megawattstunde und liegt damit gleichauf mit Kernkraft. Kleine Dachanlagen sind mit rund 280 Franken deutlich teurer.
Politische Risiken verteuern die Finanzierung
Auch wenn Kernkraft im Vergleich mit Solarstrom mithalten kann, ist damit die Wettbewerbsfähigkeit noch nicht gegeben. Die Kosten für Strom aus einem neuen Kernkraftwerk liegen über dem durchschnittlichen Börsenstrompreis der vergangenen Jahre – wobei dieser durch diverse Subventionen verzerrt ist. Ob sich diese Ausgangslage ändert, hängt wesentlich davon ab, zu welchen Bedingungen ein neues Kernkraftwerk finanziert werden kann. Damit kommt die Politik ins Spiel.
Ein Kernkraftwerk wird rund zehn Jahre gebaut und muß danach 60 Jahre lang Strom verkaufen. Ein späterer Ausstiegsentscheid wie in Deutschland kann eine solche Investition auf einen Schlag entwerten. Investoren verlangen deshalb einen hohen Risikoaufschlag, und dieser fällt ins Gewicht: Sinken die Finanzierungskosten von 8 auf 5 Prozent, sinken die Stromgestehungskosten um ein Drittel.
Klare Entschädigungsregel statt Subventionen
Benötigen neue Kernkraftwerke darum Kreditgarantien, Subventionen oder garantierte Strompreise? Avenir Suisse hält das für den falschen Weg: Risiken aus Bauverzögerungen, Kostenüberschreitungen oder tiefen Strompreisen sollen bei den Investoren bleiben und nicht auf die Allgemeinheit überwälzt werden. Der Staat soll nur jenes Risiko minimieren, das er selbst verursacht.
«Ein Kernkraftwerk muß 15 Legislaturen und länger überstehen. Investoren ist das nur zuzumuten, wenn sie wissen: Stoppt die Politik das Projekt nachträglich, trägt sie auch die Kosten.» – Christoph Eisenring, Studienautor
Avenir Suisse plädiert deshalb für planbarere Bewilligungsverfahren und eine klar geregelte Entschädigung, falls die Politik ein Kraftwerk nachträglich stoppt. Großbritannien kennt eine solche Regel für das Kraftwerk Hinkley Point C, die Schweiz ein ähnliches Prinzip bei der Wasserkraft.
Derselbe Maßstab soll zudem für alle Stromquellen gelten: Ineffiziente Subventionen, etwa im Solarbereich, sollten abgeschafft werden. Und falls der Markt zu wenig sichere Winterleistung bereitstellt, sollte der Staat diese Leistung gezielt vergüten und nicht eine bestimmte Technologie fördern.
https://solothurner-tagblatt.ch/kernkraftwerke-leibstadt-und-g%C3%B6sgen
(pd, rm)

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